Mitten in der brütenden Hitze suchen Kinder nach Schatten. Über dem Geflüchtetenlager Adré ganz im Osten des Tschad brennt die Sonne, aber der Enthusiasmus der Mädchen und Jungen, trotz der widrigen Umstände zu lernen, ist ungebrochen. Im Gedränge der Kinder hört jedes einzelne einem Lehrer aufmerksam zu, rezitiert für sich das Alphabet und ruft sich gelernte Wörter in Erinnerung. Jede Unterrichtsstunde wird aufgesaugt.
In Adré leben 237.000 geflüchtete Menschen
In der Grenzstadt Adré leben derzeit 237.000 geflüchtete Menschen, über 90 Prozent von ihnen sind Mädchen und Frauen. Der Ort ist überfüllt und die Menschen sind gezwungen, unter äußerst schwierigen Bedingungen in selbst gebauten Notunterkünften zu leben, in denen nur eng begrenzte Nahrungsmittel und Wasser und zur Verfügung stehen.
Die Kinder lernen hier nicht nur das ABC, sondern haben auch die Möglichkeit, gemeinsam zu spielen, zu singen und miteinander zu interagieren. Einmal wöchentlich kommt eigens eine mobile Kinderschutzeinheit von Plan International in das Camp Adré, um die vor dem Krieg in Sudan geflüchteten Kinder auf der tschadischen Seite der Grenze zu betreuen.
Insgesamt sieben Pädagog:innen, die sogenannten Animateur:innen, stehen den Kindern und Jugendlichen für Fragen zur Seite. „Die Kinder kommen gerne in unsere Einrichtung, um zu lernen und Spaß zu haben. Sie können nirgendwo anders hin“, sagt Eslam Adam, einer der Animateure.
„Die Kinder kommen gerne in unsere Einrichtung, um zu lernen und Spaß zu haben.“
Die Kinder im Alter zwischen fünf und sieben Jahren sitzen jeweils vormittags beisammen, um das Alphabet sowie die Zahlen zu lernen und miteinander zu spielen. In einer zweiten Gruppe treffen sich heranwachsende Mädchen. Etwa 40 von ihnen sind heute gekommen und sitzen im Halbkreis, um neben Mathematikaufgaben Englisch kennenzulernen.
Dreh- und Angelpunkt für alle Aktivitäten ist ein Zelt, das Plan International im Rahmen seiner humanitären Hilfe eingerichtet hat. Trotz der sengenden Hitze spielen Mädchen auf einer großen Sandfläche vor dem Zelt Volleyball. Für einige von ihnen ist es das erste Mal, dass sie einen Ball berühren. Sie balancieren und versuchen, ihn zu treffen.
Nach zwei Stunden sind die Spiel-, Sport- und Unterrichtsstunden beendet und die Kinder kehren in ihre provisorischen Unterkünfte zurück. Die Animateur:innen machen Pause, essen lokales Brot, Chilischoten und eingelegte Erdnüsse. Das pädagogische Team, das selbst aus geflüchteten Menschen besteht, bespricht die letzte Freizeitaktivität für Kinder, berät sich, wo Verbesserungen für die nächste Sitzung möglich wären.
Die Animateur:innen haben alle eine Schulung von Plan International zum Thema Kinderschutz erhalten, um sicherzustellen, dass sie über die nötigen Kenntnisse verfügen. Om Mahana Mohamed, eine der Animateurinnen, sagt: „Die Schulung hat uns geholfen, unser Selbstvertrauen und damit die Durchführung der Einheiten zu stärken.“ Und Teamleiterin Aiasha Mohmaad ergänzt: „Wir haben die schlimmsten Erinnerungen an den Konflikt in Sudan. Wir haben drei Tage lang gehungert, geweint, waren verloren in der Fremde.“ Aiasha ist von Beruf Krankenschwester, aber wegen des Konflikts in Sudan hat sie das Land verlassen müssen und lebt seit einem Jahr als Geflüchtete in Adré. Sie weiß nicht, wann sie in ihre Heimat zurückkehren kann.
„Wir haben die schlimmsten Erinnerungen an den Konflikt in Sudan.“
In Adré erzählt jede der Tausende provisorischen Unterkünfte ihre eigene Geschichte von Not und Überlebenswillen, eine Geschichte von Verlust, Beharrlichkeit und ungebrochener Hoffnung. Mädchen bleiben in ihren Zelten, um sich um ihre Geschwister zu kümmern, die nicht genug zu essen haben. Außer den wöchentlichen Treffen der mobilen Kinderschutzeinheiten gibt keine Schulen oder Lernangebote. Wer erkrankt, muss weite Wege zur Behandlung auf sich nehmen, dabei sind gerade neue Fälle von Malaria bekanntgeworden. Und es gibt immer mehr Fälle von Unterernährung aufgrund der schlechten Versorgungslage.
Ringsum tobt trotzdem das Leben: Kinder holen Wasser mit Kanistern, eine Mutter kocht im Freien mit einfachen Utensilien eine Mahlzeit, ein junges Mädchen, das die Umgebung ihres Zeltes fegt, Männer, die im Schatten sitzen oder auf den Markt gehen, um Arbeit zu suchen. Viele warten auf humanitäre Hilfe, um ihr Überleben zu sichern.
Gegen 13 Uhr kommt eine neue Gruppe heranwachsender Mädchen bei dem Plan-Zelt an. Die Mitglieder sind mittlerweile miteinander befreundet und wollen heute über das Thema Beziehungen sprechen. Die Animateur:innen laden die jungen Teilnehmerinnen ein, einen Brief an jemanden zu schreiben, der oder dem sie vertrauen. Die Mädchen legen los und schreiben an ihre Familienmitglieder – wie Tanten, Onkel oder Schwestern – und stellen anschließend ihre Anliegen der ganzen Gruppe vor. Allein schon das Gespräch über die derzeitige Lebenssituation hilft ihnen bei der Bewältigung von Herausforderungen wie häusliche Gewalt.
„Wir wissen nicht, was die Mädchen auf ihrer Flucht durchgemacht haben.“
„Wir können nicht alles wissen, was die Mädchen auf ihrer Flucht in den Tschad durchgemacht haben“, sagt eine der Animateurinnen. „Deshalb ist es wichtig, ihnen zu zeigen, wie sie das verarbeiten und mit ihren Gefühlen umgehen können.“
Plan International kümmert sich besonders um die Bedürfnisse heranwachsender Mädchen. Die insgesamt fünf mobilen Kinderschutzeinheiten in der Region Adré bieten ihnen einzigartige Unterstützung, um sichere Lernorte zu schaffen und psychologische Hilfe zu leisten.
Alle Menschen in Adré träumen von einem besseren Leben, sind aber besorgt, ob sie es jemals erreichen können. Als sie Sudan verließen, wähnten sie sich hier im Nachbarland in Sicherheit und hatten Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Doch jetzt, wo sie geflohen sind, und mit immer größeren Herausforderungen umgehen müssen, sind ihre Zukunftsängste groß.
Während die Sonne untergeht und die Temperatur sinkt, singen die Mädchen ein Lied der Hoffnung – auf weiterführende Bildung. Inmitten des Chaos einer Notunterkunft bringt ihr Lachen einen Moment der Freude. Es gibt Tausende von anderen geflüchteten Kindern, die Hilfe bei ihrer Bildung und für ihren Schutz brauchen. Plan International hat sich zum Ziel gesetzt, die Zahl der mobilen Kinderschutzeinheiten zu erhöhen. Aber die Ressourcen dafür sind begrenzt, und es werden dringend mehr Mittel benötigt, um die Maßnahmen der humanitären Hilfe zu verstärken.
Das ehemalige Plan-Patenkind Shreeram KC wurde 2004 von Plan International Nepal als Referent für Gemeindeentwicklung und Kommunikation eingestellt. Heute arbeitet der erfahrene Journalist als Plan-Kommunikationsspezialist für globale humanitäre Angelegenheiten. Marc Tornow, Chefredakteur im Hamburger Plan-Büro, hat seinen Bericht für die Plan Post aufbereitet.