
Wie ein Rucksack zur Lebenshilfe wird
Das Leben ist buchstäblich steinhart. Inmitten einer wilden Berglandschaft im äußersten Norden von Vietnam schließen schroffe Felsen die kleinen Dorfgemeinschaften ein. Die Siedlungen sind meist über Trampelpfade erreichbar und hier oben auf den schmalen Feldern gedeiht nur deshalb etwas, weil die Menschen zuvor aus dem Tiefland Humus und Erde herbeigeschafft haben – eine Grundlage, um in dieser herausfordernden Umgebung überhaupt Anbau betreiben zu können. Und manchmal bleibt ihnen nicht einmal das.


Zerstörerische Wirbelstürme erreichen Vietnam alljährlich, oft in den südlichen und zentralen Küstenregionen. Doch im September 2024 traf Taifun Yagi auf die nördlichen Provinzen Hà Giang und Phú Thọ. Viele Familien verloren dabei nicht nur ihre Ernte, auch Infrastruktur wurde zerstört. Schwer getroffen hat es zum Beispiel das Elternhaus der 15-jährigen Sào. Nach sintflutartigen Regenfällen begrub ein Erdrutsch einen Teil des Hauses und riss seine Rückwand fort. Und ausgerechnet vor der Ernte wurden die umliegenden Reisfelder ruiniert – was die ohnehin schwierige wirtschaftliche Situation der Familie weiter verschlimmerte.
Ein Wirbelsturm reißt mehr als eine Bildungslücke
Sào ist das jüngste Kind einer Familie der örtlichen ethnischen Minderheit der H'mong. Wie die meisten Familien hier oben in den Bergen lebt auch sie von der Reis-, Mais- und Viehzucht. Sàos beiden älteren Brüder mussten die Schule frühzeitig verlassen – einer nach der siebten, der andere bereits nach der ersten Klasse –, um weit weg von zu Hause zu arbeiten. Umso mehr setzen Sàos Eltern ihre Hoffnungen auf ihre jüngste Tochter und ermutigen sie, in der Schule zu bleiben – für bessere Zukunftschancen.

Doch nach dem Taifun Yagi blieb nicht nur Sàos Haus in gefährlicher Schieflage zurück, auch die Scheune für die Büffel drohte einzustürzen. Das Unwetter hatte zudem den Weg zur Schule unterbrochen, und so verpasste das Mädchen tagelang den Unterricht. Als sie schließlich in ihre Klasse zurückkehren konnte, fand sie alle ihre Bücher, Hefte und die Schuluniform durchnässt und ruiniert vor.
Mit humanitärer Hilfe für Kinderschutz und bessere Bildung sorgen
Das war der Moment, in dem Plan International mit humanitärer Hilfe einsprang: Drei Schulen in den Provinzen Hà Giang und Phú Thọ wurden mithilfe der Kinderrechtsorganisation instandgesetzt, Aufklärungsmaßnahmen zum Schutz von Kindern in Notsituationen durchgeführt sowie Hygienesets an 200 Haushalte und Pakete für Menstruationsgesundheit an Frauen verteilt. Außerdem erhielten 300 Schulkinder, die in den Fluten alles verloren hatten, neue Lernmaterialien – darunter Sào.
Insgesamt profitierten rund 3.500 Menschen von der humanitären Hilfe, die Plan International mit finanzieller Unterstützung der Europäischen Kommission (EU) von Oktober 2024 bis März 2025 organisiert hat. Plan International engagiert sich seit 1993 in Vietnam und setzt sich im Norden des Landes besonders für bessere Bildung sowie den Schutz vor Kinderheirat bei ethnischen Minderheiten ein.

„Das Lernen ist viel einfacher geworden.“
„Früher habe ich meine Bücher in einer Stofftasche getragen, ich musste sie mir selbst nähen“, sagt Sào. „Jetzt, wo ich einen Rucksack habe, ist der Schulweg viel leichter zu bewältigen, und ich muss mir keine Sorgen mehr machen, dass meine Bücher unterwegs nass werden. Jetzt habe ich nicht nur einen richtigen Schulrucksack, sondern auch Hefte, Stifte und sogar Werkzeuge wie Lineal, Winkel und einen Kompass. Das Lernen ist viel einfacher geworden.“ Dabei hat die Unterstützung auch die finanzielle Belastung für Sàos Familie reduziert: „Wir müssen jetzt nicht unseren Reis verkaufen, nur, um Hefte und Stifte anzuschaffen“, freut sich ihr Vater Lần, der parallel am Wiederaufbau seines Hauses arbeitet.


Lehrerin Cường weiß, wie wichtig diese Unterstützung ist: „Schulsachen sind ein wirklich sinnvolles Geschenk für unsere Kinder. Dies mag zwar wie eine kurzfristige Unterstützung erscheinen, hat aber eine enorme Wirkung, da es ihnen hilft, nach dem Taifun schnell wieder Stabilität zu erlangen – vor allem für diejenigen Kinder aus benachteiligten Familien.“
Sào sagt, dass ihr das alles sehr viel bedeutet – sie weiß, wie hart ihre Eltern arbeiten, damit sie die Schule besuchen und abschließen kann. „Ich werde fleißig lernen, damit ich eines Tages meiner Familie helfen kann. Damit meine Eltern und Brüder nicht mehr so sehr kämpfen müssen.“
Marc Tornow hat Südostasien-Wissenschaften studiert, Vietnam mehrfach besucht und die Geschichte von Sào mit Material aus dem örtlichen Plan-Büro erstellt.